Julzeit 4/4
Die Rückkehr des Lichts
Es ist Ostern, der Winter verabschiedet sich endgültig und macht dem Beginn des neuen Jahreszyklus Platz. Zeit, den letzten Teil von Balders Geschichte zu erzählen.
Die alte Welt ist im Ragnarok untergegangen und hinterließ nach dem langen Fimbulwinter nichts als verbrannte Erde und verdampfte Überreste aller Wesen Jotunheims, Asgards, Wanaheims und Midgards. Fast alle Riesen, Götter und Menschen wurden vernichtet. Überlebt haben nur wenige: Zwei Menschen namens Lif und Lifthrasir (Leben und Lebenskraft), Odins Bruder Vil, seine Söhne Vidar (der Waldgott) und Vali sowie Thors Söhne Magni und Modi. Doch noch zwei andere Götter stehen an der Spitze der neuen Welt: Baldr und Hodr, die beiden Brüder, die gemeinsam und versöhnt aus Hel auferstanden. Unter ihrer Führung trägt der Weltenbaum wieder Blätter und die neun Welten erstrahlen im neuen Glanz. Alles unreine wurde in der alten Welt zurückgelassen.
Die Ragnaroksage ist die Interpretation des (europäischen) Naturkreislaufs durch Menschen, die die Härte und Kälte der Wintermonate noch am eigenen Leib erfahren mussten und für die die erste Frühlingssonne, das Licht Baldrs, wie eine Erlösung und Erleichterung schien. Die Zeit der körperlichen Entbehrungen (und vielleicht auch Todesangst) war nun vorerst vorbei. Baldrs Rückkehr verhieß eine neue Chance und Optimismus für das kommende Jahr. Es ist ein Glücksgefühl natürlichen (und damit göttlichen) Ursprungs, und den Menschen aus nördlichen Breitengraden selbst heute ganz und gar nicht fremd.
Wir erleben nun diese kurze und verlockend euphorisierende Zeit nach dem Ragnarok, in der die neue Welt rein und unschuldig erscheint und nur darauf wartet, dass wir, Götter und Menschen, das beste aus ihr machen und riesischen Mächten, sofern sie überlebt haben, mit aller Kraft entgegentreten. Alte Bürden ablegen, einen Neuanfang wagen, das ist unsere heidnische Pflicht.
Und genauso ist es unser heidnischer Fluch, dass das Weltendrama seinen unaufhaltbaren Verlauf nehmen wird, dass unser Kampf gegen die Riesen in einem erneuten Untergang enden wird. Und ist es nicht die Unterlegenheit zu den Riesen, so ist es Lokis Zerstörungswahn, der das Rad der Zeit zu Ende drehen wird. Wir haben keine Wahl, genauso wenig, wie wir den Wechsel zu Sommer, Herbst und schließlich Winter verhindern können. Baldr, alles Schöne, wird sterben, doch er wird zurückkehren. Die Julsage spiegelt diesen natürlichen Kreislaufs und die ihn ihm versteckte Hoffnung wieder.
Was ist die Botschaft der germanischen Brauchtümer und Sagen um das Julfest? Odin erfährt von der Volva aus erster Hand, dass die Welt untergehen wird, es ist nur eine Frage der Zeit. Genau diese Variable versucht er zu manipulieren. Odin erschafft mit seinen Brüdern die Menschen und setzt sie in die entbehrungsreiche Welt Midgard, damit sich die besten von ihnen im Kampf, der das Leben ist, behaupten können und zum großen Heer Valhalls stoßen. Was die Götter allein nicht schaffen, sollen die Menschen erreichen: Das Blatt wenden in der letzten großen Schlacht gegen die Riesen, um den Weltuntergang zu verhindern oder wenigstens hinauszuzögern. Diese und keine geringere Aufgabe hat Odin den Menschen zugedacht, trotz der Verzweiflung der Gewissheit, dass sich das Unvermeidbare nicht verhindern lassen wird.
Aus dem gleichen Grund müssen jedem Toten die Nägel geschnitten werden, da das Heer der Riesen sich aus diesen Nägeln das Schiff Naglfar bauen wird, um zur letzten Schlacht zu reisen.
Odin leuchtet in der Julgeschichte als unser Vorbild: Nach dem Höchsten streben, selbst im Angesicht des Unvermeidbaren den Mut nicht sinken lassen und stets die Selbstverbesserung und Selbstreinigung im Auge behalten, auf dass sich das Zeitenrad noch ein wenig langsamer drehen möge. Es gilt auch, Lokis destruktiven Einfluss zu bekämpfen, zum Schutz Baldrs.
Die germanischen Feiertage, Weihnachten, Silvester und Ostern, sowie ihre Bräuche und Traditionen sollten dabei nicht ermahnen oder züchtigen. Ebensowenig sollen sie ihre Botschaft in uns hineinhämmern oder aufzwingen. Das Sonnenrad anzuzünden, den Julbaum zu schmücken, Silvester zu feiern und Eier im jungen Grün zu verstecken dienen allein dem Zweck, ohne den wir diese Bräuche nie ausüben würden: Spaß haben, und vielleicht sogar eine innere versteckte Freude empfinden beim Leben und Erleben alter Sitten, deren Ursache und Botschaft in uns stecken seit so langer langer Zeit.
Frohe Ostern, god påske und einen sonnigen Start in ein frisches Midgard,
Brautingi
02.04.2001n.Hr.
